Texte - May 2009



ruebenfeld

regen laeuft an den sechs meter hohen fenstern ab. die waende holzbedeckte flaechen. dunkel lackierte maserungen sind vollstaendig darin eingeschlossen. glattpoliert reizen sie zum anfassen und darueberstreichen, als koennte so ein besseres verstaendnis entstehen. ein trugschluss, der sich immer wieder fuehren laesst. die museumsbesucher verschraenken ihre arme auf dem ruecken. kontemplative teufel. sie zwingen sich innerlich zum bremsen, bevor sie fortgerissen werden. die bilder und skulpturen zaehlen nicht. blosse ankerpunkte zum verweilen und herantreten. die meisten schweigen, fluestern fast, nur manchmal benutzen sie die stimme. echozirkel beim betrachten und vergegenwaertigen. koepfedrehen in der wellenform. all das licht, das faellt, vergeht. konsistenzpruefungen. meinungen werden fuer bereits gehandeltes getauscht. der irrglaube, dass die beurteilung eigentstaendig ist: ich kann das besser. das gerechte lachen. die neue wirklichkeit ist denjenigen zu echt, die sich nach alter glaubwuerdigkeit sehnen. nostalgie? manchmal eine doppeldeutige chance. retrospektiven liegen zu nah, dicht bei der mattscheibe. bessere televisionen. dort beliebtheitstabellen. wann schreitet aber der fortschritt selbst fort? schleifenexistenz. alltag, sagen die kollegen und haben recht kein drama daraus zu machen. da muss man schliesslich durch. den beteiligten fehlt der mut fehler zu begehen, denkt der pfleger, um sich schnell zu beschwichtigen. die lust zu scheitern ist gering. der pfleger kann es verstehen. er will auch auf die richtige seite und schaut schon immerzu herueber.

er merkt, dass er den eintritt bereits bezahlt hat. er hat vergessen seine abscheu mit der regennassen jacke in der garderobe abzugeben. das soll ihm keine ausrede sein. dies ist jetzt bloss eine freizeit. fest verschraubt. zu schade zum verschwenden. er will auftanken. im beruf wirft er gelbsuchtgetraenkte einwegskalpelle in plastikeimer. nicht die gesamte zeit.

er hat sodbrennen. kollateralschaden. im krankenhaus: einwegoperationen von einwegkoerpern. schon mal patientenkolonnen gesehen? dem kartenabreisser haengt die haut um die augenoeffnungen herunter. der pfleger kennt den namen dieses geburtsfehlers nicht. er aergert sich und will es bei gelegenheit nachschlagen.

letzte woche haben sie einer alten frau einen reissverschluss eingenaeht. der krebs fuellte sie gewissenhaft mit blut,eiter und scheisse. das gewebe hielt die taeglichen oeffnungen zur bauchspuelung nicht aus. jeder mensch ist einzigartig. schlagartiges zitat. der pfleger lacht vor dem naechsten austellungsstueck. nicht ueber die antiquitaet, sondern bewusst ueber die fussbodenfugen davor. er will sich staendig zuvorkommen, um den zufall zu verwirren.

die angehoerigen im krankenhaus sahen die liebe oma immer nur bis zum hals mit weissgewaschener bettwaesche zugedeckt. sie liegt im koma, sagten die aerzte. oma schlaeft, sagten die enkel. und sie lebt. hurra. volle wucht. wir tragen unsere leichen bereits mit uns, denkt der pfleger ploetzlich. langweilt der kampf mit uns selbst, hacken wir die anderen klein. ein gemaelde laesst ihm doch noch die gedanken stolpern.

der pfleger laesst dies auessert ungern zu. es gibt kein ausserhalb. chirurgen rauchen oft schwarz und kette. na und? das nie endende probieren aller situationen macht die zunge muede. mal fuer fuenf minuten die fresse halten. zeilensprung um zeilensprung. erst tatsaechlich erlebtes laesst sich erheblich wiederkauen. der pfleger denkt nicht gerne nach. stagnation legt sich um ihn wie eine ungeschickte liebhaberin. statt kokonehrfurcht muss jedoch beleidigt werden. die bequemlichkeit siegt jetzt. feinaufgeloeste datenstroeme. bildschirmdurst, statt firstlifeverrecken. digitale slums mit blattgold im trinkwasser. langsam,langsam mit den jungen pferden! wer sich so verhaelt kann weder rechnen, noch mit geld umgehen.

der naechste hohe mattgraue betonraum. in den glaskaesten sind echte christliche reliquien aufgebaut. bruchstuecke der dornenkrone in einem prunkvollen goldschrein. daneben ein stueck vom kreuz. bitte nicht beschaedigen. es ist unangenehn, dass der raum, den diese gegenstaende einnehmen, selbst schon eine erwartung ist. hiervor wird jedoch nicht gekniet. weder innen noch aussen. stattdessen aseptisch gewartet. das christentum ist eine wartende maschine, denkt der pfleger. was wird jesus sagen, wenn er wiederkommt und alle diese kreuzanhaenger um die haelse baumeln? hoffentlich versteht er es nicht falsch.

der pfleger beobachtet die anwesenden, die dicht bei den vitrinen stehen. schliesslich wird suchend darum gekreist. erst dumm, dann richtig. aufenthaltsgravitation, bis zum ende der oeffnungszeiten. dieser glaube im kopf muss ernsthaft gefallen, um zu wirken. abseits davon ein potential fuer eine abgenutzte erinnerung, daneben rezeptoren fuer die erkenntnis eine augenblicksvorstellung zu besitzen. die zeit schiebt gleichzeitig alles unvorhersehbar voran. es gibt hier keine energiekrise.

der pfleger sitzt jetzt auf einem hellbraunen lederquader. er sieht die raumaufsicht regungslos in der ecke stehen. jede halbe stunde tauschen die wachen die raeume. diese summe aus sich ueberschneidenden parallelogrammen erzeugt in dem pfleger kopfschmerzen. der betrachter verdirbt jeden ort mit seiner anwesenheit. in diesem moment durchschreitet der museumsangstellte die halle, mit der absicht dem pfleger zu sagen, dass dessen kopfschmerzen fuer ihn irrelevant sind und es bleiben werden. [pn]

erklaere den hunger der welt meinem sohn & erklaere dem hunger der welt meinen sohn

statt spritzen oder hundescheisse, liegen plastikverpackungen von suessigkeiten im spielplatzsand. niemand hebt sie auf, solange das fernsehen keine bedrohungsszenarien daran formuliert. die medien berichten nicht ueber ereignisse, sondern beobachterinteressen. parallele fusstellung. ein kinderspielplatz ist kein guter ort um moral zu verdauen. ich schaue von der zeitung auf und sehe caspar an den roten seilen der kletterspinne hochsteigen. eine vorsichtige mutter faellt mir ein, die ihrer tochter hier einst einen sturzhelm aufsetzte. das kleine maedchen hat sich mit dem kinnband stranguliert. die zeitungen druckten damals ein verschwommenes, mit teleobjektiv aufgenommenes, photo auf die frontseiten. die scheinbare zurueckhaltung erwies sich als reine notwendigkeit, da der reporter aus dem fahrenden wagen herausschiessen musste. er war zu einem wohnungsbrand unterwegs. ich falte die zeitung zusammen, die ich als unterhaltung gekauft habe und versuche den gedanken erfolglos auf mich anzuwenden. im hintergund bekommt caspar ein apfelachtel aus einer transparenten tupperdose geschenkt. die fremde frau nickt meine erlaubnis aus der ferne ab. in geteilten fruechten koennen keine rasierklingen stecken, denke ich. pferdeschwanz ist ein merkwuerdiges wort fuer eine frisur. pony? sie haelt den behaelter dicht am ruecken, als sie mit den kindern spricht. zu hunden soll man sich ebenfalls herunterbeugen. oft verstehe ich die elternsolidaritaet nicht. sie scheint wie das vorbeilassen artgleicher pkws beim reissverschlussprinzip, endet im falsch verstandenen besitzdenken. die apfelfrau schaut wieder zu mir, diesmal ohne fruchtfragen. ein windstoss entkleidet die baeume dramatisch hinter ihr. der brief von dir steckt in meiner manteltasche und sticht mir in die seite.

caspar veliert spaeter einen seiner kleinen handschuhe. wir drehen deshalb eine runde ueber den umzaeunten platz. kinderkleidung ist immer zu bunt, als ob farben immer gute laune schaffen wuerden. die gestalter, die sich darauf spezialisieren, wirken meist selbst zurueckgeblieben. froehliche bienen und baeren sind wie parteiabzeichen auf pullover und jacken aufgedruckt. die erzwungene niedlichkeit provoziert nur ein abfaelliges verhalten gegenueber menschen, die noch zu schwach sind grosse arme festzuhalten. es soll gewaehrleisten, das jeder seinen sichtbaren status bekommt. verhaltenshilfen, die sich fortlaufend durch ein leben ziehen. kategorienbaeume fester betrachtungsweisen wachsen. muendigkeitsversprechen werden eingezogen. ich bleibe stehen und falte den brief, damit meine bitterkeit sich ebenfalls halbiert. caspar schweigt konzentriert bei der suche. wir stehen jetzt dicht bei der blonden apfelfrau, die kreuzwortraetsel per bleistift loest.

tausende kilometer entfernt entern dunkelhaeutige piraten im golf von anden ein tankschiff. schwer bewaffnete mittzwanziger, aufgepeitscht vom kathkauen. mit geschwollenen backen klettern sie aus den schnellboten. die reedereien empfehlen den besatzungen glasflaschen an deck zu zerschlagen, da die eindringlinge oft barfuss auf das schiff kommen. die armen bastarde. ich muss ueber das poetische bild nachdenken, als ich den fernsehbeitrag sehe. auf dem fussballfeldgrossen deck laufen unterbezahlte asiaten in dichter reihe und lassen scherbenteppiche zurueck. verschweissen stahltueren, richten hochdruckwasserstrahlen auf die baeuche der verzweifelten. sie sind selbst verzweifelt, da sie ihre familien alle vier monate sehen. sie stehen an der modernen akustischen kanone, die schmerzhaften laerm nach unten verteilt. die piraten tragen schon lange stofflappen in den ohren. der konflikt bleibt unter armen. der kapitaen kann aus seiner adlerperspektive oft nur schwer erkennen, wer zu seiner besatzung gehoert. manchmal nimmt er ein fernglas zu hilfe, waehrend er den vorfall meldet. am horizont erscheinen gruene armeehubschrauber, die schauen, aber nicht handeln duerfen.

die apfelfrau bietet mir blauen tee aus einer thermoskanne an, fordert mit einer geste ein hinsetzen dazu. mein kopf ist noch wuetend leer. deshalb sage ich ihr, das thermoskanne eigentlich ein firmenname ist, der zum synonym fuer hitze- und kaeltespeichernde baelter geworden ist. wahrscheinlich will ich das sie ihre handlung bedauert. ihr blick faellt ringsuchend auf meine haende. ich strecke meine finger dabei. sie erroetet leicht. immerhin. wir trinken das lauwarme abwechselnd aus dem unhandlichen deckelbecher. welches ist ihres? frage ich ploetzlich und beisse mir auf die zunge. sie wischt sich eine straehne fort. die restlichen haarwellen rollen fuer eine zugabe zurueck. meine tochter ist tot, antwortet sie und schuettet den becher mit definierten bewegungen sauber. caspar kommt mit beiden handschuhen zurueckgelaufen, bleibt aber stehen, als er uns sieht. kinder sind konsequent aufmerksam, nicht nur wenn ihnen danach ist.

autohupen. ich schaue nach vorne und sehe beleuchtete werbewagen auf der strasse entlangfahren. der beruf der fahrer ist es die koepfe von fremden vollzustopfen. banale kritik, denke ich. spaeter muss ich nahrungsmittel kaufen, um sie selbst in oeltaschen zu stecken. turn turn turn, singen die byrds auf dem piratenmutterschiff. meine nervenzellen sind ueberreizt und erschoepft. die apfelfrau schuettelt leicht die stirn, um mir die leeren worte von den lippen zu nehmen. caspar steht jetzt emphatisch daneben und beruehrt leicht ihren arm. als ich sie erleichtert laecheln sehe, stehe ich auf, um caspar von der bank wegzuzerren. nicht jeder moment darf zum makabren klischee verkommen. das hat diese frau nicht verdient. niemand verdient tausendfach gesehenes um sich zu haben. obwohl ich mich nicht mehr umdrehe, glaube ich zu wissen, dass sie mich versteht. [pn]

mensch wird in zeitlupe vom hai gefressen

schelling sagt, dass das boese nur ein scheinbild des lebens ist – ein schwanken zwischen sein und nichtsein, das nichtsdestoweniger aber dem gefuehl sich als etwas sehr reelles ankuendigt. das boese ist nichts anderes als das relativ nichtseiende, das sich zum seienden erigiert, also das wahre seiende verdraengt. es ist von der einen seite ein nichts, von der anderen ein hoechst reelles wesen. das boese produziert nicht, es truegt. als ablenkung deshalb attraktiv und verfaenglich begehrenswert. alle lauschen. schelling macht kunstpausen waehrend des sprechens. seine gesten wohlgeuebt und vorschnell asynchron geworfen. er moechte jemanden beeindrucken. [pn]

faradayscher kaefig

februar. der schirm im ruecksitz zeigt die aktuelle position auf einer digitalen karte. in minutenabstaenden wird die animation der imaginaeren verfolgerperspektive des flugzeugs eingeblendet. schlecht gerendert. die luft in der kabine ist trocken, zwingt zum lippenlecken. alle passagiere sind ruhig. ueberschminkte flugbegleiterinnen verkaufen parfuem und stofftiere im monotonen turbinenlaerm. garner klopft filmisch auf das uhrglas am handgelenk und bestellt eine teure cola. beim einschenken in den duennen plastikbecher sieht er, dass die landschaft auf dem computerschirm eine komplett andere als im bullauge zeigt. reif klettert darin hoch. garner presst das gesicht an das kalte fenster, probiert wie lange er direkt in die sonne schauen kann. unter ihm schwimmen in einem wolkenloch die alpen vorbei. garner laesst den augenfleck umherspringen, stanzt damit gesichter aus. ich anonymisiere wie in einem tatsachenbericht, denkt er. eine bewegung dicht neben im. laika ist von der toilette zurueckgekommen. sie ist immer noch angespannt. der druck beim steigen der maschine hat ihr waehrend des starts schmerzen bereitet. garner legt ihr jetzt seine hand aufs knie. so beruhigt er immer. laika blaettert langsam durch eine grelle illustrierte. ich kaufe sowas nur im urlaub, sagt sie.

die wollen die gletscher mit grauen planen abdecken, sagt garner. laika oeffnet die augen: ja, und nebenher laufen die schneekanonen. die zeitschrift rutscht ihr vom schoss und wird von einer stewardess aufgehoben. ihr halstuch ist schmutzig. sie beugt sich leicht herunter, um betreuung zu signalisieren. moechten sie noch etwas? laika schuettelt den kopf. der plastikbecher verschwindet in einem muellsack. garner ueberspannt die armbanduhrmechanik beim aufziehen. ein leichtes raunen geht durch die reihen, als die bildschirme das digitale flugzeug ohne hintergrund zeigen. keine sorge, lacht die abgehende stewardess, ich versichere ihnen, dass es draussen eine welt gibt. vor den fenstern ist es grau. vereinzelt suchen die insassen selbst darin bestaetigung.

die abgenutzen tragflaechen fahren in zwei stufen zur landung aus. do not step here. garner fasst an die hosentasche. die ecstasy liegen in der minzschachtel. laika sieht ihn fragend an. das signal zum anschnallen blinkt auf. er gaehnt. sie hat sich mit seiner jacke zugedeckt. ihm ist selbst kalt. er spuert seine beine kaum. hoffentlich klatscht niemand unprofessionell nach der landung, sagt jemand auf dem vordersitz.

arbeitslaecheln, als sie die maschine verlassen. wieso nennt man ein flugzeug immer maschine. es gibt doch viele maschinen, denkt garner. erfrischungstuecher werden ausgegeben. stahltreppen. das shuttle faehrt vor. die feuchte hitze legt sich ihnen sofort auf die haut. arbeiter werfen das gepaeck herum. die passagiere tragen abgeklaerte gesichter in den schmutzigen bus. der fahrer hoert einen schlagersender. er hat die langweiligste und kuerzeste route, wird im gebaeude von den kollegen ausgelacht. faehrt deshalb hart in trance der routine. die meisten wissen darum und halten sich an den ledergurten fest. die naiven schleudern umher.

salmiakgeruch. am gepaeckband wird garner bleich. im hintergrund stehen polizisten mit hunden. die uniformen wirken in diesem land martialisch. zu viele abzeichen. fuenf grosse ventilatoren drehen sich an der holzdecke. der polizist setzt einen fuss ruhig nach vorne, er hat zeit. der schaeferhund senkt den kopf zu boden. das fliessband bleibt leer. familien stehen dichtgedraengt im halbkreis. niemand versteht, dass er bloss einige schritte zuruecktreten muesste. so koennten alle gut sehen. garner stottert. angstschweiss um das gepaeck bei den anderen. laika nimmt garners hand, drueckt fest. der hund zerrt an der kurzen leine. draussen warten die palmen.

die automatischen tueren sind kaputt. der hund riecht um die aufgestellte leiter, auf der ein handwerker die lichtschranke kontrolliert. vor dem gebaeude muss garner die pillen in den bueschen zuruecklassen. der bus faehrt erst in zwanzig minuten. verdammt. er raucht zwei zigaretten heiss. laika hat etwas im auge, sie schaut in den puderdosenspiegel. garner zieht ihr einen kleinen splitter aus der rosa augenhaut. vergiss es, denkt er, dies ist urlaub.

im hotel schiesst garner einige photos. laika will nur schwarzweiss. mit diesen kleinen zahlen am rand, sagt sie. sie schlafen bei offenem fenster miteinander. laika duscht. das wasser laesst sich nicht richtig einstellen. sie hat von einem sturz einen violetten bluterguss an der wade. laika will sich endlich die haare faerben. garner reisst ein stueck brot auseinander, legt es zurueck auf den nachttisch. im fernsehen laeuft das gleiche wie zu hause. elektronisches orakel fuer geld. menschen reden mit ihren toten verwandten. es beruhigt garner nichts verstehen zu koennen. er schaltet stumm, zappt. stille ist eine grobe form der verzweiflung. jetzt sieht er ein maedchen mit vier armen. [pn]

cargo

die geschwindigkeit der arbeiter beim ziegellegen. niemand kann derart lange in der anspannung leben. das augenreiben veraendert nicht die welt, es bleicht nur die konturen. nichts erfahrbares mehr, alles wird zurueckgelassen, mulipliziert die alptraeume. stellvertretertode, rodungen von wertvollem holz, ich scheiss auf das artensterben. was geht es mich an. meine art vergeht, meine gefahren enden. leeres geschwaetz. begegnungen voll von rechtschreibfehlern. koerpererfahrung belebt. sommersprossen. zwei winter pro jahr. ich verkomme zu einer maschine und wehre mich kaum. der menschliche arbeitsvorgang wird mechanisch. worte zu wiederholen ist fahrlaessig. die welt wirkt wie ein grosses haben-wollen, sagen die geschwaechten. alle anderen werden still vor dem einschlafen. keine feinde finden. feinde aus sich selbst heraus klonen. teilnehmer und elemente sind kugelsicher. das zuschauen nicht mehr frenetisch. es wird als verpflichtung erlebt. die einen verrotten in ihrem hunger, andere verlegen ihr portemonaie. dinge passieren, sind meist gelungene spitzen. erschrecken ueber das bereits geschehene. dazu willkuer in den gesichtsausdruecken auf der strasse. kometen auf dem buergersteig. eine angst in allen die dressur zuzugeben. spaesse werden staendig erfunden, schlagen ins gemuet wie granaten. fiktion der fiktion. fluchtschlaf ins private. na und. bereits gesehen und zu boden gehalten. wieso kann die welt nur durch hinzugabe verbessert werden?

ein ausgebleichter wunderbaum haengt am rueckspiegel. der fahrer redet schon ueber eine stunde auf mich und klio ein, waehrend der lastwagen die makellose autobahn hinabfaehrt. so spricht niemand, denke ich. vor uns ist in einem holzrahmen ein familienphoto des fahrers eingesteckt. nach dem einsteigen hat klio grundlos versucht die gesichter auszukratzen. wir bemerkten es alle aufmerksam bis sie aufhoerte.

als ich mich ueber die tatsache wundere, dass man als insasse eines fahrzeugs staendig das gefuehl hat sich immer nur in die gleiche richtung zu bewegen, wird der fahrer unerwartet still. pleotzlich finster. er nimmt beide haende vom steuer, um sich die dicken arme zu kratzen. schuppenregen faellt auf die gummimatten. die gleiche oder die selbe? ich kann mich nicht mehr konzentrieren, schaue auf die holzkugelmatte seines sitzes. der fahrer versucht clever zu sein, sagt, dass er bei seinem vortrag figurenrede benutzt hat. das alles sei nicht seine meinung. klio hat glueck, ihr entgeht diese peinlichkeit. sie schlaeft mit dem kopf am fenster. deine freundin ist dumm, sagt der fahrer. ich sehe ein gruenes schild in der frontscheibe und freue mich kurz. die naechste raststaette ist noch zwoelf kilometer entfernt. sie ist nicht meine freundin. wir fahren nur zusammen per anhalter. ich antworte, da selbst die kommenden fuenf minuten jetzt lang werden. der fahrer schaltet endlich das radio ab, das die ganze zeit viel zu leise und unverstaendlich gespielt hat. in einer lautstaerke, die stoert, ohne wirklich abzulenken. rohe, eckig gepflanzte birkenwaelder ziehen vorbei. sie ist dumm, wiederholt er und drueckt jetzt konsequent auf das gaspedal. ich sehe erst jetzt, dass er barfuss faehrt. schlagloecher setzen ein. klio erwacht. sie greift erschrocken an das armaturenbrett. ihre knoechel werden weiss. der fahrer lacht dumpf auf. ich versuche klio zu beruhigen und rieche den wunderbaum aus falscher zitrone und minze dabei. klio ist abwesend. sie drueckt ihren koerper bloss an die seitentuer. hinter uns beginnt die kaffeemaschine aus glas zu zittern.

ich ueberlege, bin aber gleichzeitig zu muede um in schuld zu verfallen. klio nickt mir liebevoll von der seite zu. ich halte das teppichmesser in der jackentasche umschlossen, presse meine finger in die plastikrillen des griffes. ich hasse, wenn es warm wird. der fahrer glaubt die situation zu beherrschen. eine ausfahrt verschwindet. wir rasen an vollgestellten parkplaetzen und grellen grillrestaurants vorbei. die lichter blenden uns unterschiedslos. fuer einen moment fuehlen wir, dass die naechsten schritte abwendbar und unnoetig sind. dass wir auch genausogut dort gemeinsam ueber einer tasse kaffee sitzen koennten. jeder wuerde eine belanglose wahrheit erzaehlen, wie man es nur vor fremden tut. der fahrer koennte klio vaeterlich aus der hohen fahrerkabine helfen, um mir danach kurz anspornend auf die schultern zu klopfen. klio haette ihm, aus einer falschen annahme, ein laecheln geschenkt, um ihn aufzumuntern. ich haette vielleicht etwas ueber den beeindruckenden tanklaster gesagt, den er hartnaeckig von a nach b fahren muss. alle gefahrlosen rollen haetten in einer kulisse von reisenden belegt werden koennen.

stattdessen warte ich bis wir die hundertzehn kilometer erreichen. klio oeffnet dann beinah lautlos die tuer, als ich die perforierte klinge im hals des fahrers abbreche. wir loesen unsere gurte,die surrend geschluckt werden. dieser moment wirkt irreal. mattgraues asphaltfliessband zu ihren fuessen. schreiend bedeckt der fahrer seinen frisch entdeckten fremdkoerper. seine stimme blubbert frech. kameraauschnitt. ich stosse klio wie in einem zaubertrick hinaus. sie verschwindet sofort, bleibt immernoch stumm. der kopf des fahrers faellt weinend auf die hupe. er hat keine absicht mehr nach vorne zu schauen. eine zeitung spiegelt sich in der scheibe. automatische schlangenlinien setzen ein. ich muss an sizilien denken, wo ich an der kueste sass und mich im selben augenblick schon virtuell bei google maps sah. verdammte vogelperspektive. verdammte computer. ich gebe dem fahrer im nachhinein recht. das leben ist jetzt keine fabel mehr. er versucht das rostfreie edelstahl vergeblich aus seinem muskelfleisch zu ziehen. das messer kostet einen euro, faellt mir ein. ich schaue ihm kurz zu und rutsche auf flauschigem fell zur windschluckenden tuer. kruemel beruehren meine haut. sein wagen wird gleich nicht in einem eindrucksvollen feuerball vergehen. der fahrer wird nur im erhitzten metall zerquetscht werden, womoeglich dank der kolossalen medizintechnik sogar ueberleben. ich hoere die suessen sirenen zu seinen ehren schon singen. unbekannte retter werden sich selbstlos um ihn kuemmern.

waehrend ich falle wird meine zeit stereotypisch gezerrt. ich bedaure, dass ich klio so wenig kannte. sie wirkte sehr nett und eigenstaendig. man kann sich leider nie sicher sein. wir haetten uns wahrscheinlich schnell belogen. der fahrer sollte jedoch gluecklich und zukunftsgerichtet denken. jeder irrsinn hat die chance auf eine verfilmung.

[pn]