Texte - April 2009



mars

walzer. das wort wirkt, als fehlte in ihm ein buchstabe, obwohl es es doch vollstaendig ist. dieser turniertanz wird in einem gebaeude ausserhalb der stadt in einer generalprobe aufgefuehrt, als wir woanders aus der ubahn steigen, ohne uns umzuschauen. der schnellste tanz des welttanzprogramms. die plakate dafuer haengen ueberall. vor den gelben kachelwaenden bleiben wir stehen. am ende der rolltreppen bellen die schaeferhunde bereits, werfen sich in die halsketten hinein. du korrigierst wortlos deine halterlosen struempfe, damit wir schneller durch die kontrollen kommen. es faellt mir wie immer schwer mich zu beherrschen, als die soldaten uns abtasten. sie fahren mit lederhandschuhen an deinen beinen entlang. mein rollstuhl wird pro forma durchsucht. zumindest werden die gewehre an diesem kontrollpunkt vorschriftsgemaess nach unten gehalten. sie riechen jedoch an allen fluessigkeiten, die wir bei uns tragen. die gesichtsscanner arbeiten elektronisch, der anwesende offizier ist betrunken. kein wunder bei seinem job. blechern stossen sie uns zu den anderen wartenden. dichte familien stehen duldsam beieinander, ihre kinder spielen mit den abfaellen, die sie in transparenten tueten bei sich tragen. die durchsagen schlucken das duenne lachen. du wirfst wieder eine pille ein. ich stecke die daumen in die faeuste und presse bis ich das gefuehl habe, das sie bald brechen. in einer silberwand sehe ich, dass du mir bald die haare schneiden musst.

als wir an die oberflaeche gehoben werden schlaegt regen gegen das plexiglas der fahrstuhlkabine. triste volksmusik spielt ununterbrochen. in diesem abschnitt sind die strassen ueberdacht. die verwaltung hat hier viele baeume gepflanzt, ohne zu ahnen, dass diese auch schatten werfen. du behaeltst deine sonnenbrille trotzdem die gesamte zeit auf. deine augenfarbe habe ich schon laengst vergessen. du schiebst mich hart an den holzverschlagenen schaufenstern vorbei. als ob wir es eilig haetten. mein zungenschnitt ist schlecht verheilt. ich kann dir deshalb nicht sagen, wie mir es vor der zugfahrt graut. sie haetten den transrapid auch in grossdeutschland bauen sollen, denke ich und fuehle die beine, die ich nicht mehr habe. als du mir die infusion oeffnest fallen dir die sproeden haarlocken ins gesicht. koeterblond nennst du das, wie deine mutter immer sagte. mir wird warm, du spielst mir vorgefertigte aufnahmen auf dem rollstuhlbildschirm vor. ich kann kaum die finger heben. das morphium fuellt mir jede ader aus. ich bin ueberrascht, als du lachst, waehrend der glashimmel fuer eine werbung abgedaempft wird. jeder konflikt hat eine richtige seite, sagen sie. ich hasse das morphium, weil ich mich darin oft an das laufen erinnere. immer wieder sage ich dir, dass du mich einfach in einen graben schieben sollst, wilde fuechse wuerden es schon beenden. du schuettelst den kopf. es scheint dir irgendetwas daran zu liegen mich zu behalten. auf der strasse schenken sie uns einen gruenen heliumballon, den du sofort als markierung am rollstuhl befestigst. undeutlich schlafe ich ein.

als ich aufwache fahren wir bereits im zug. den urinbeutel hast du schon geleert. das schienengeratter im gang ist besonders laut. es zieht furchen in meinen verstand. durch die fenstergitter sehe ich den roten sand gespiegelt. ab und zu ein blasses dorf im hintergund, ohne strom und fliessend wasser. es ist mir unverstaendlich wie dort menschen leben koennen. du stehst die ganze zeit, um mich zu provozieren. manchmal spannst du dabei sogar deine schenkelmuskel rhythmisch, damit ich ihre kontraktionen sehen kann. glaub mir, ich weiss, dass du beine hast. als du mir etwas nektar gibst kommt der schaffner vorbei. immerhin traegt er einen schnauzer. da mein hals mit kaltem rotz gefuellt ist, tritt statt lachen nur ein versuch aus meinen mund heraus. du traegst jetzt ein gelbes kleid, mit v-auschnitt. ich kann es aus den augenwinkeln sehen. der schaffner klappert mit den augen, nickt dann in meine richtung. ich zucke mit den armen. er schliesst trocken sein maul, als er die kriegsversehrtenmedaille an dem rollstuhlruecken entdeckt. deine hand legt sich sofort demonstrativ auf meine kuenstliche schulter. als ich deine haut das letzte mal beruehrte, fuehlte sie sich ledern an. so sehr du dich auch bemuehst sie zu cremen und zu pflegen, sie wird nie mehr zart werden.

die monde stehen jetzt weit oben. du zeigst mir spater photos von deinem zukuenftigen leben. ich schaue sie aufmerksam an. mein gedaechtnis ist zu sechzig prozent gestoert. obwohl ich dir immer wieder die gleichen fragen stelle, bleibst du geduldig. angststoss. vor den fenstern schiesst goldenes pulver aus der zugartillerie weit in die felder hinein. du gibst mir einen zungenkuss durch die plastikmaske. immerhin bin ich eine lukrative art geld zu verdienen. [pn]

zum verrat jeder notlage

windstille. der tag beginnt im aberglauben. ich werfe den ring fuer dich in den grauen fluss hinein. das wasser lacht gnadenlos ueber das schlichte silber. gereizt versuche ich dem moment einen abschliessenden sinn zu geben, richte mich dazu innerlich auf. das erinnerungswerte wird steif, wie ein plastikkorken, abdruecke von zaehnen darauf. ein papierflaches containerschiff erscheint in der fahrrinne. ich spucke hellen schaum herunter. unbeeindruckt draengt der schiffsbug weiter wellen fort. die selbstueberschaetzung laesst mich erroeten. falsches werkzeug in den entleerten haenden. endloses ausatmen. milde fliesst ueber mein gesicht. alle muessen atmen, schrieb ich dir einst. atmen trotz treibender zungenschlaege. trotz rechnungen. trotz krankheit, trotz absichtslosem warten. trotz frustration, die moeglichst schnell verschluckt wird. nein, wir duerfen vielmehr. der brustkorb hebt und senkt sich staendig, selbst das luftanhalten ist willensschwach. unheimlich, dass der koerper eigenstaendig handelt. ich bewohne mich selbst und kenne dabei wenig raeume. die langen spaziergaenge auf den fluren verwirren nur. assistenten uebermalen die aufgehaengten bilder und wechseln die rahmen. es kann immer nur ein kleiner teil des archivs betrachtet werden. manche leinwaende aus blei, sie bleiben deshalb lange haengen. die feuchtigkeit der luft zerstoert sie. staub wirbelt auf. wozu die schuhe muehsam ausziehen? ich habe schon so viele bilder kaputtgeschaut. touristengruppen werden von mir achtlos an den dauerbrennern durchgefuehrt, ihre eintrittsgelder eingeschmolzen. kopisten trauen sich nunmehr an neuinterpretationen. in besenkammer liegen leichen heimlich hinter samt. schwere duefte im museum taeuschen frische vor.

ich schaue auf vom quecksilberzickzack des wassers. das schiff laedt im hafen waren aus, die ich mir spaeter kaufe. als ich die bruecke verlasse empfinde ich dafuer dankbarkeit. ein leeres sicheres, aber schmerzhaft bequemes land. die gesichtsausdruecke der passanten fordern nichts ein. wir sind alle ununterscheidbar beim vorbeigehen. die zahl der inneren schauplaetze explodiert. frisch verliebte erzaehlen sich noch ausgedachte biographien der entlangstroemenden, waehrend sie auf gesponsorten parkbaenken sitzen. zumindest in einem woody allen film. spaeter ersticken sie im widerstreit des alltag. wieso habe ich loecher in den handflaechen, denke ich und stelle fest das sie intakt sind. absichten reichen nicht. handlungen entscheiden. dein ring liegt im schlick. in einigen jahren werden polizeitaucher ihn finden, auf der suche nach einer kinderleiche. das parallele ist das unheimliche, nicht die alleinige menge. vielleicht schwimmen wale gerade in die ostsee ein. keine sorge. der kopf reduziert beindruckend leistungsstark. in der innenstadt schwingen die einkaufstaschen wie uhrpendel. jemand sagt im fernsehen, dass es nicht lohnt sich dagegen zu wehren. ich schalte zu spaet ein und frage mich: wogegen? mitzugehen sei die neue art der kritik, nur aus der bewegung heraus koenne man die situationen verstehen. ich lache darueber, als ich die einkaufsstrasse entlanglaufe. schon gut, denke ich und fuehle dabei ein abartig sanftes kopfstreicheln, mit dem man kinder verdummt. gerade hier, in den hellerleuchteten eingaengen, liegt friede und anstrengung nah beieinander. ich will auch etwas fuer mein geld. die zahlen in den schaufenstern wirken wie entbloesste geschlechtsteile. die phantasie des begehrens macht sie attraktiv und anziehend, nicht der kalte anblick allein. ich zwinge mich in die beobachterperspektive zweiten grades und sehe mich selbst unauffaellig in dem leipziger allerlei aus koerpern verschwinden.

solidaritaet der wuensche, ich habe ebenfalls durst. wir sind bunt und schadenfroh. mein gehen ist nicht ziellos, es reguliert sich nur unbestaendig. es ist merkwuerdig, dass ich noch an dich denken muss, obwohl immer mehr milchglasscheiben zwischen uns geschoben werden. keine lasik wird dafuer verschwendet. ich gehe jetzt schneller, versuche die spitze einzuholen in diesem marathonlauf. ein blauer bmw erfasst mich auf der strasse, bremst schrill in meine seite. ein geraeusch, wie von einem verbrannten toast gekratzt. die huefte bricht entzwei, wo deine hand einst lag. der hals in gegenrichtung fortgerissen, die arme grob gehoben. sie drehen sich jetzt zu straff, verlassen ihre ankerpunkte folgenschwer. kein blut zu sehen, es tropt ins innere. rippen gleiten in die lunge, am herz vorbei. im flug kippt mein kopf ein dutzendmal zur seite, muskelfasern schlagen mir beulen in die haut. attrappengleich steig ich empor. das kinn schlaegt mir am ruecken auf. den gelangweilten asphalt bemale ich weissrot, schlucke zaehne dabei, ein laecheln wird mir eingeschnitten. die handgelenke splittern fein. das angeschwollene gesicht riecht nach bittermandelkonzentrat. erst hier dringt ein schmatzender laut aus mir heraus. ich denke an das aufstehen, bleibe jedoch faul liegen. heisses fliesst mir in die augen. ein zeitungsartikel ueber organspende faellt mir ein. ein quadratzentimenter haut kostet neunzig cent. was hast du auf dem ausweis ausgespart? das sentimentale herz. nein, den dominanten kopf. ich muss schnell zwinkern, beweisen das sich eine reparatur wirtschaftlich lohnt. dann sehe meine rechte hand, daran ein karussell aus naegellosen fingern angebracht. doppel s, doppel l. es dreht sich nicht mehr und zittert leicht. [pn]

unterzucker

angespitzte nerven weit entfernt
im punkt winkel angemessen
voegel singen hundelaerm
bewegungsfreudig die agenten
leben bekannte konturen
in kanadischer haerte ruck zur vorsicht
glatte farbe ist jetzt im wagen ausgekippt
luegen ergeben sich perfektem sinn.

[pn]

trophaeen

verblasste menschen zu abstossereignissen verkeilt.
ungewollte potentiale entweichen, gegen sich selbst
bewusst abgenutzt. knochen dickes porzellan,
ihre muskeln wuensche. haut aus irrtuemern,
die die farbe aendern.
kuesse in die kehle. auge-bild-raum-kette
kalt in den photos einsehbar.
dein digitales paradigma,
antlitz aus braver eins und null,
harmlos neu ohne beruehrung,
kann geloescht, nicht mehr zerrissen werden.

[pn]

sonnenauf- und untergang verlieren ihre funktion

sanfte vanitas im reproduktionszyklus. er wird falsch verstanden. in-a-gadda-da-vida. die eitelkeiten aufgerissener haut. elektrische sicherungen springen heraus. der mann wechselt deshalb die schaedliche gluebirne in der deckenlampe. seine hautschuppen liegen danach auf dem kirschholzparkett. ein imitat. sie hat ihren unterkoerper wieder zugedeckt. mit der nazidecke, wie sie sagt. nur weil der stoff braun ist. in der raumecke bewohnen duenne spinnen ihre netze. brauchbares wird fuer eine zukunft zurueckgelegt. grzech schaut der erwartung der tiere zu und zieht sein unterhemd wieder an. er beneidet die spinnen kurz um ihre hoffnungen, schuettelt den kopf innerlich und dreht sich zu der frau zurueck. ihre haende riechen nach kaltem espresso. grzech muss ploetzlich an gott und seine propaganda denken. im winter bleiben die fenster und jalouisen verschlossen. es ist zu warm, wirklichkeit reicht nicht mehr als nahrungsmittel. im radio fluechten eine million menschen vor einem hurricane. das vorstellungsvermoegen endet abrupt. was ist eine wettervorhersage? maentel und stiefel kommen durch sie von dachboeden und kellern an die oberflaeche. binaercodes meteorologischer computer kleiden den menschen. grzech kann nicht mehr laenger in seiner phantasie bleiben. er wird in seinen koerper gespuelt. statt notwendiger fragen ist ein hochfrequenter ton in ihm entstanden. sie presst ihre beine zusammen. hoer auf, sagt sie in einer angst, wenn grzech dumme versprechen haelt. [pn]