Texte - Februar 2009



wachsloewen

ungerade rede. soviel ruecksicht in den worten, dass von der sprache nichts mehr uebrigbleibt. mehr noch. opake einstellungen. jeder sinn wird zwischen ihnen vernichtet. die kompromisse, die sie schliessen, bleiben folgerichtig, treiben aber nichts an. sie sehnt sich nach seiner verlorengegangen inkonsequenz. diese neue naehe ist ekelerregend und hindert sie am entfalten. das hat sie nicht gewollt. sie stellt es erschrocken fest, wird beinah bleich dabei. sie denkt darueber in seiner abwesenheit nach. frisch geschminkt verschiebt sie dann die einheiten am abakus, berechnet gewissenhaft und illustrierend ihre gewohnheiten und diskreten wuensche, waehrend sie auf seinem brustkorb liegt. beide lassen sich wissentlich gegenseitig liegen. nachts fahren zuege schrill auf den nahgelegenen gleisen vorbei. es wird nie dunkel in dieser stadt. nur blau. er steht dann auf, um das gemeinsame bett zu verlassen. ihre temperaturen stimmen nicht ueberein. jemand ist immer zu heiss oder zu kalt. elektronische tintengesichter. beruehrungen sind schnell vergessen. touchscreenidiotie. sie zeigen sich bloss ihre koerper. das ist genug. er ist satt. waehrenddessen laesst sie sich irgendwo begehren und gefaellt sich dabei. ich weiss ich weiss ich weiss. es ist nicht sicher aus wessen mund es faellt. gleichzeitig. triumphal werden fallen versteckt, die im alltagsdickicht todbringend arbeiten. ausgehen. mit freunden zu abend essen. die gleichen geschichten verdauen. blicke ueber rotweinglaeser hinweg. pastarezepte. glueckwuensche. die neue vase wird bestaunt. drahtlos funkt die musik in die lautsprecher. eindrucksvoll. themen werden verteilt. redeanteile schwanken. knoepfe am bund spannen spaetestens jetzt. das muessen wir unbedingt wieder machen. das sagt man doch nur im fernsehen. ausrufezeichen. muedelachen. uhrzeit wird wichtiger. die paare sind erleichtert das bekannte an ihrer seite zu halten. mit der/dem koennte ich einfach nicht. augenbrauen schwingen. schokolade wird von mundwinkeln gewischt. war der auflauf nicht zu angebrannt? i wo. nach dem verlassen der wohnung werden nasen geruempft. gemeinsam stark in der ablehnung. pillowtalk auf der strasse. er haelt sich betrunken an ihr fest. sie spuert fuer einen augenblick ihre liebe zurueckkehren. vorbei. sie hat auch zuviel getrunken. alkalische toenung im rachen. die speedspucke fliesst aus dem inneren nasenloch in den hals hinein. sie hat ihren pullover oben vergessen. warte hier, sagt sie. ihr arm wird losgelassen. er hat nicht die absicht weiterzugehen, gibt ihr zum abschied einen trocknen kuss auf die lippen. bartstoppeln. ich bin doch gleich wieder hier, sagt sie ueberrascht und kann sich zurueckhalten den nikotingeschmack vom mund zu wischen. sie will das rauchen aufgeben. er stoert sie dabei. das laternenlicht springt von gelb zu weiss. ein kraftwerk pumpt am ende der stadt. ich weiss, antwortet er und verabscheut die unpassenden sterne am himmel. beim hochsteigem der treppe beginnt sie die stufen zu zaehlen. bei jedem fehler laeuft sie das stockwerk wieder nach unten. spaeter wird sie in dieser nacht einen unerwuenschten orgasmus haben. den hat sie immer, wenn sie wuetend ist. [pn]

vor 64368000 sekunden

in der kueche. folienabgedeckter boden. warte bis der akkord einsetzt, sagt eine innere stimme. die bauleuchte strahlt unregelmaessig in die leergeraeumte ecke. tapete wird mit zuversicht von der wand abgezogen. spachtelschiebungen. wir wechseln uns mit der trittleiter ab. neuanfang. das sperrholz hinter der spuele ist feucht geworden und verrottet. beim herausheben blutet es rot auf das linoleum. wechselt den aggregatzustand. die farbe ist betoerend schlicht. ich breche die schrankteile an der farbeimerkante und trage die stuecke in den mir noch unbekannten hausflur. die situation daemmert erst, wirkt wie ein wendepunkt. du traegst hellblaue jeans, weissbenetzt. in den anderen zimmern stehen die moebel willkuerlich verteilt. funktionsaenderung. diesmal beruhigt mich diese unordnung. zeitplanung. du bist attraktiv aufgeregt. endorphinregen. wir essen misosuppe von tellern, die wir in umzugskartons finden. hinter dir werkzeug und schraubenhaufen. das ist der zauber von handlungen, da ergebnisse produziert werden. du spuelst die teller in der badewanne. fiktive improvisation. alles ist moeglich. vom schleifen liegt ein duenner staubfilm auf uns. den sieht man in der bausparwerbung selten. dann zerreise ich alle hologramme unserer kinder. falsche freude macht das leben schlagartig schal. der ist zum umbinden in der kaelte gedacht. dann will ich ploetzlich etwas und verstehe kurz nicht mehr, was ein beduerfnis eigentlich ist. suche. im zwielicht trete ich an dich heran, greife nach deiner taille, fahre an deinem atmenden bauch entlang. in gelben plastikhandschuhen sind deine haende beschäftigt. du ziehst die schultern zusammen. ein windstoss schlaegt das kuechenfenster zu. die handschuhe haengen jetzt ueber dem wasserhahn. wir vergessen staendig wasser zu trinken. nehmen aspirin gegen die loesungsmittelkopfschmerzen. merkwuerdig, dass der koerper ueberhaupt reagiert. ein stoff wird heimlich gegen einen anderen getauscht. manchmal versteht man die banalsten dinge nicht. der spiegel im bad ist zum streichen abgehaengt, steht auf den bodenkacheln. man kann kaum unsere bewegungslosen schuhe darin sehen. ich entdecke den schraubenzieher trotzdem neben deinen zehen und hebe ihn auf. wir laecheln oft und vorsichtig. das schlimmste ist den respekt voreinander zu verlieren, sagt mir am vortag ein fremder an der ampel. der platz im kopf wird schmaler, faehrt er fort, je laenger menschen sich kennen. eine abartige selbstverstaendlichkeit. wir sind uns leider einig. nicken uns sozial womoeglich sogar zu, auch wenn ich es sofort abschuettel, als er hinter der naechsten haeuserwand vergeht. entweder oder. er erinnert mich an eine figur aus einem kieslowski film. waehrend der renovierung lese ich ein buch ueber das theo-technologische kontinuum. die fortfuehrung und befriedigung der religioesen beduerfnisse durch technikglauben. es tut gut sich selbst neu zu laden. refresh. wir sind offline. arcor macht bekanntlich probleme. dabei schaue ich dort gerne die tagesthemen. ich muss ins schweigen hineinlachen. du siehst mich verbluefft an und legst den pinsel beiseite. die waschmaschine schleudert und bewegt sich dabei. ihr fehlt ein standfuss, dennoch will sie fliehen. zeitschriften fallen zu boden. das telefon klingelt, um den moment abzuschliessen. du gehst mit gedaempfter stimme in einen anderen raum, als ob du jemanden nicht wecken wolltest. aus der decke ragen nackte kabelenden. ich mag das kleine licht des spannungspruefers, die unsichtbare wut des stroms darin. schaue auf meine arme und kratze ein wenig farbe von der haut. der szene fehlt die atmosphaere. ich lege deshalb eine schallplatte auf, drehe die boxen im tuerrahmen. das gegengewicht des arms ist nicht richtig eingestellt. die nadel gleitet auf der rotation beruehrungslos ins zentrum. luftkisseneffekt. vor mir schatten. ich drehe die lautstaerke herunter und schaue ihr dann mehrfach bei der reise zu. [pn]