Texte - November 2008
smog. wir schaben ihnen manchmal noch die gesichter mit den spaten ab, um ihnen die wuerde zu bewahren. vor jedem stich schaut mein nebenmann mich seltsam an, als koennte ich etwa seinen fuss lenken, den er auf die schaufelkante tritt. er weint vielleicht dabei. ich weiss es nicht, schaue zu oft zu boden. mittlerweile sitzen die soldaten auf den stotternden lkws. sie lachen nicht mehr. in ihren uniformen wirken sie dafuer schon zu konkret. sie sind wohl hungrig, wie wir. der strassenzug ist bald gesaeubert, denke ich und greife einer aufgedunsenen frau an die knoechel, um sie zum buergersteig zu ziehen. gruenes traegerloses kleid. in meiner hand zerbricht ein knochen unter ihrer haut. sauer liegt mir ein geschmack im hals. dysfunktionale geraeusche. die dolmetscher warnen uns unaufhoerlich durch die megaphone. sie sprechen schlechtes muedes deutsch. kleine geste begleiten ihre wuensche. missbrauch von wissen, selbst dort. im hintergrund brennt bunt die heimatstadt. gebaeude schmelzen gallertartig unter hitzestrahlern, die innenraeume zerreiben sich samt inhalt, wirbeln zwischen panzerketten. nur durst jetzt, sie geben uns zu trinken. fabrikneue trinkflaschen der cola company. ich streiche ueber das matte graue plastik. you can´t beat the feeling. kegelblitze am gestauchten himmel. ich sehe den nebenmann nicht mehr. schuesse fallen ploetzlich, doch niemand zuckt. mein turkey ist seit tagen vorbei. ich sollte den besatzern dafuer dankbar sein. wir gehen in tausendfuesslerkolonnen. am naechsten checkpoint liegen tote hunde breit verstreut. der mond wirkt zu gross. optische taeuschung aufgrund der hochhaueser am bildrand. diese strassenecke ist kaum zerstoert. die leuchtreklamen funktionieren sogar. wir werden zum schlafen in eine schule hineingetrieben. die scheiben sind intakt. vor wochen hat hier noch niemand an krieg gedacht. vor vierundvierzig tagen stand ich nervoes in deinem zimmer und suchte dir unterwaesche aus dem schrank. ich war nochmal in die wohnung gekommen, um meine restlichen sachen zu holen. als ich gerade photos dramatisch von den waenden nahm, rief mich einer der nachbar an, um mir zu sagen, dass du mit einer nierenentzuendung im krankenhaus liegst. ich schaemte mich kurz , da ich angenommen hatte, dass du an diesem morgen bei einem anderen mann im bett bist. eigentlich ging mich das damals nichts mehr an. entscheidung. scheidung. wegscheidung. ich dachte ueber worte nach und wusste gleichzeitig nicht, was ich fuer dich packen sollte. die ganze zeit das gefuehl mich beeilen zu muessen. alles wirkte wie eine schlechte filmszene. nachlaessig und allein fuer den effekt komprimiert. mein wagen sprang vor dem haus natuerlich nicht an. eigentlich war es ein warmer fruehlingstag. trotzdem hatte ich grundlos einen regenschirm mitgenommen. zur klinik war es nicht weit. ahnungslose passanten um mich herum. zu fuss durch den park. eine deiner taschen in meiner hand. die gaenge im krankenhaus gewohnt trostlos und leer. dein zimmer irgendeine hunderternummer. vor der gruenen tuer zoegere ich mit dem anklopfen. du richtest dich blass auf, als ich eintrete. keine schwaeche zeigen. duell. du bist von tabletten benommen und bietest mir eine davon an. ich nehme sie, ohne darueber nachzudenken. altmodische glasflaschen mit mineralwasser stehen auf dem beistelltisch. du oeffnest ein fenster. der geruch im raum ist dir unangenehm. ich sehe deine bewegungen. wir reden ein wenig und trinken den geschmacklosen kaffee, der fahrbar in grossen kannen auf dem flur steht. sind uns ambivalent. halbfreude. schoen bist du. beschuetzenswert. der regenschirm rutscht mit einem knall vom stuhl. wir gehen die flure entlang, in denen man schlurfende pantoffeln erwartet. es ist jedoch leise. die wenigen krankenschwestern wirken wie nonnen. das krankenhaus muss frueher ein kloster gewesen sein. im fahrstuhl lachen wir ueber ein plakat, dass seniorenmusik bewirbt. wir lachen nur um platz zu schaffen. die cafeteria hat nicht wirklich geoffnet. deshalb koennen wir nicht zu mittag essen. klassisch. du hast fruchtkompott. mein apfelkuchen ist klebrig und zu suess. wieder kaffee. das lokalradio spielt schlager. was sonst. einige handwerker essen torte im stehen. sie lehnen sich an das austellungsglas hinter dem die krankenhausportionen quark eingeschlossen sind. die dosenmandarinen sinken ein, bilden eine mikroskopische korona. einer der blauen flirtet mit der thekenfrau, reibt sich die sahne aus dem bart. sie traegt tatsaechlich ein haarnetz. du willst, dass ich dich nicht mehr besuche. ich rauche und nicke. klopfe mit den fingern die erwartung aus dem koerper. falte die wachspapierserviette unter deinen blicken, um sie danach unter den teller zu stecken. man kann durch die jalousien auf das kiesbedeckte flachdach schauen. draussen frieden. ich kontrolliere die uhr, dabei will ich bei dir bleiben. du trinkst etwas stilles wasser. dein blick ist wertestarr. deine augen kullern nicht. zitronenflocken kleben an der innenwand vom glas. deine lippen sind jetzt grenzenlos. du schuetzt dich selbst. wir spielen jetzt rollen unter getrennten praemissen. ich setze alles ein, um nichts zu fuehlen. eine oberflaechensituation entsteht. spaeter drehe ich beim abgehen des flures den regenschirm in schwuengen, lasse ihn kreisen. werfe damit die zerrende spannung ab. autobahnrueckblick. ich hasse jetzt, dass ich dich damals hinter der zifferntuer verschwinden lasse.
[pn]
niederfaelle ranghoher knie
drehen die welt und heben sie
denjenigen aus den angeln,
die bloss zuschauen wollen.
[pn]
keine angst vor dem ueberwachungsstaat. du hast angst vor mir, sagt jaegle und schaut mich an. es ist eng in der umgebauten concorde. im hinteren abschnitt des flugzeuges haben wir brom in schweren metallfaessern geladen. wir sind bereits seit tagen in der luft. alle sechstausend kilometer fuellt eine zwillingsmaschine unsere fluegel auf. jaegle schaut auf ein verschweisstes bullauge. jucken dir auch derart die ellenbogen? sie verlaesst die kniehocke und nimmt dabei keinen arm zur hilfe. eindrucksvoll in diesen schweren anzuegen. sie schlaegt mit dem handschuh gegen mein visier. bietet mir mit getoentem helm in einer eindeutigen bewegung die paarung an. auf dem boden, denke ich. die naechste stunde verbringe ich im lernschlaf. eine meldung des bordcomputers weckt mich. stumm stehen wir an den nahrungskabeln, um uns einzuklemmen. schneiders ablauf muss wieder durchgeschossen werden. er schaut zuviel fern in seinem helm. verbringt den gesamten flug nur in sich selbst. die hydraulik seines anzuges kontrolliert leise und vollstaendig seine glieder. er liegt im stehen. hoert oldies dabei. ich habe erst vierzig prozent abgegeben, um mich besser auf meine arbeit konzentrieren zu koennen. jaegle fuettert ueber ein terminal den testaffen. im neonkasten sitzt h4 hinter plexiglas, frisst mit schlaffer hand die schwarzen pellets, die hineinfallen. ich stehe in der naehe. ein teil von mir liest datenmengen aus. die restlichen anteile nutze ich, um mit jaegle ueber die hypnotischen bewegungen von giraffen zu sprechen. sie hat angeblich schon mit dieser art gearbeitet. ich gehe wortlos in neid ab, um mich bei der zentrale zu melden.
spaeter steht jaegle an den anzeigen des bromwerfers. ich erkenne, dass sie sich im anzug noch selbst bewegt. dann spuere ich einen druckausgleich. der nachbrenner zuendet. wir steigen durch die schallmauer auf siebzehn kilometer. verspruehen elf tonnen ueber oslo. die videomonitore zeigen die hinter uns entstehenden kondensstreifen. rotbraunes eis wird in den himmel gerissen. die hormonpumpe gleicht mich aus. anscheinend hat der computer schwankungen in der gruppendynamik festgestellt. jaegle gefaellt mir jetzt sogar noch besser. der autopilot wird abgeschaltet, als ich ins helle cockpit steige. die anzeigen justieren sich neu. melatonindaempfer, sagt ein stimme begeistert hinter mir. jaegle folgt bereits. wir duerfen nicht auffallen. sie wiederholt es immer wieder. nachrichtenupdate. neues kartenmaterial. schneider ist ganz versessen die koordinaten einzugeben. sein tatendrang irritiert. die kanonen pumpen unermuedlich brom. ich frage mich, wie ihre haut riecht. nach der veraetzung wird sie ebenfalls neue teile brauchen. ihre morphindosis wird seit tagen erhoeht. als sie naeherkommt nehme ich ihr profil vom schirm. ich versuche sie abzulenken. wir gehen im netz spazieren. kaufen ein paar kleidungsstuecke. ihr ebenbild ist merkwuerdig. ich verstehe den zierrat nicht. ich frage mich, ob es ihr eigener scan ist oder nur ein avatar. ich habe schon lange keine echte frau mehr nackt gesehen. sie will nicht. sie sagt, dass sie mit mir nicht tanzen geht, da menschen keine pfauen sind. ihr einwand ist interessant. ich sage ihr foermlich, dass dies nur ein test war. tanzen sei im konfliktfall verboten. sie schweigt und wechselt in sekundenbruchteilen ihr kleid. der andauernde takt der farben stresst meine augen. ihre absicht ist offensichtlich, macht deshalb muede. die baeume werden neu geladen. freiflaechen entstehen. kaputte vektoren um uns herum. bots tauchen auf. unter ihnen elektronische haendler. unsere firewall kickt jetzt energisch. reiner eklektizismus unserer gefuehle. jaegle sieht mich wuetend an. sie aktiviert einen ausgang und verlaesst das areal. ich setze mich in der simulation auf den boden und beginne nacheinander die gesamte landschaft zu entfernen.
der ton der wirklichkeit bricht langsam wieder ein. schneider lacht hysterisch. turbinenhintergrundrauschen. der dumpfe nachbrennerschub koppelt mich ab. neue anweisungen werden vom bordcomputer verteilt. ich sehe jaegle immernoch ausgeschaltet und klar an der wand stehen. sie bleibt mit beschlagenem visier noch drinnen. kursaenderung. das flugzeug steigt ab. im heck quaelt schneider h4 mit elektroschocks. ich filtere das affenkreischen aus dem ohr und muss ueber nachahmungstriebe nachdenken. waehrend ich programmiere, werfen sich affenpranken gegen die scheibe. duenner rauch steigt in der box auf. ich amuesiere mich still ueber den verzweifelten tanz des echten affen. habe ich mich womoeglich in schneider getaeuscht? nanobots saeubern sofort den speichel vom sichtfenster. jaegle erwacht. als sie schneider vor dem tobenden tier sieht, faellt mir ihr name endlich ein. ich gebe die befehle durch. [pn]
vom hagel verschmierter strand. immer dieses zimmer. seltene b-seiten werden zu dieser jahreszeit am offenen fenster gehoert. ein beamer arbeitet an der entgegengesetzten wand, wirft staendige bewegung darauf. die frau verlaesst das fensterbrett, an dem ihre haut festklebt. sie denkt: du bist wie deine musik. keine strophen, nur refrain. der mann hustet langsam. die reine zeit faellt auf seine schultern. ihm wird kurz bewusst, das altern reines feststellen bedeutet. filter brechen. konjunktive euphorie schlaegt in ihm ein. violetter regen draussen. sie fragt ihn etwas, um distanz zu gewinnen. auf der fensterbrettoberflaeche verschwindet ihr temperaturunterschied im zeitraffer. sie hat den drang sofort ihre hose anziehen zu muessen. erst seine ruckartige bewegung entlaesst sie aus ihrer starre. sie erkennt, dass sie nicht mehr um seine erlaubnis bitten darf. er moechte ihr etwas beruhigendes sagen, aber tut es nicht. sie will diesen gedanken vergessen. das beamerbild zeigt eine gebäudesprengung. wieso schauen wir das? ihm wird kalt. beide ziehen sich an. ersatzhandlungen. sie finden eine vereinbare routine im augenblick. etwas praktisches hilft kurzzeitig. facecrying. wieso klingen sinnleere worte im englischen praegnanter? sie lachen darueber. seit einer halben stunden kippt der raum schon. sie hat jetzt endlich einen guten gedanken. er traegt in sich den krebs. aber dann kennen sie sich nicht mehr. ploetzlich schlaege auf dem dach. sproede aeste brechen ueber dem bungalow von den baeumen. spaeter ein streit, der nicht ernst genommen wird. betrunken gehen sie in den regen hinaus. es ist nur kalt, nicht spielerisch. sie geht schritte voran und spricht ueber chemische wettermanipulation. er loest seinen blick von ihrem hinterkopf. das meer ist weit zurueckgewichen. er ist froh, dass er ihre nassen haare mag. beim hindurchgreifen spuert er die frisch geschnittenen spitzen in seinen fingerzwischenraeumen. sie schuettelt ihn ab. der farbverlauf im himmel sieht kuenstlich aus. staendig eckige bewegungen am horizont. tote pixel. lichter kommen aus den duenen auf sie zu. er hat sich zum tablettenschlucken abgedreht. der regen faellt in handkantenschlaegen. sie lacht auf, als sie die kinder mit den laternen erkennt. freundlichkeit in der schaerfeverlagerung. er zaehlt bewusst die reihen ab, damit er nichts mehr vergisst und hebt beim weitergehen den mantel auf, der ihr zuvor von der huefte abrutscht. [pn]