Texte - September 2006



vielleicht sieht man sich auf der autobahn

sie zerreisst den bierdeckel am tisch und schaut erneut zur seite. je regelmaessiger sie es tut, umso fester schaue ich sie an. ueber die haende kann ich nichts sagen, sie sind nicht begehrenswert, vielleicht ist die stimmung deshalb so sonderbar. du suchst wohl einen grund? sagt sie und zerrt sich in mein blickfeld zurueck. nein, sage ich und moechte einen akzent setzen, indem ich selbst an ihr vorbeischaue, grundlos gefaellst du mir besser. der kellner wechselt den aschenbecher, als er geht antwortet sie befreiter: das sagst du immer. wir schweigen beide kurz danach. [pn]

inkubatorgedanke

worueber soll nachgedacht werden? ueber die hinfaelligkeit der angst? ueber erklaerungsversuche, den fehlenden mut aufzubringen handeln zu koennen. [ der kaffee ist vielleicht fertig, sagt die krankenschwester und geht ] wie erklaert sich einerseits die selbstvergewisserung der ausgebliebenen souverenitaet, die nicht mehr als ein staendiges beweinen, eher eine zertruemmerung des ichs bleibt, und der wunsch etwas leisten zu wollen? dass wissen um die hypothetische handlung, die besorgnislos blass und klar wirkt ? fragende sind umfangen von der strafe der ersten aussprache, jedes spaeter wird zur verzoegerung, die risse in das ichgebaeude treibt. es folgen wogen der bestaetigung, wenn andere verlorene gefunden werden und es moeglich wird sich in fremde arme zu lehnen. komplimentenfresser, beschwoerer und faule. geniesser, die scheinbar immer zu frueh und zu spaet geboren werden. lamentierende sprache, verzogen bis zur unkenntlichkeit. wenn die anderen, die unbekannten, uns alle bilder und umschreibungen entfernen, dabei wie mediale chirurgen drohend laecheln, wo sollen wir, die uebriggebliebenen, unser glueck noch suchen ? zu viele menschen opfern sich bereits, im kleinen und bescheidenen. gut gilt als schimpfwort, man stimmt zu und ueberlegt erst danach, selbst zum schaemen bleibt keine zeit. die knochen werden schwer vom bedauern einer innenwelt, umfangreiche posen stemmen sich der fliehenden zeit entgegen.
etwas auesseres brennt nieder, bis auf die struktur, gleitet in das abstrakte. in der theorie suchen die gemeinsamkeiten ihre energie, hier stellen sich freund und feind ruecken an ruecken, wissend, dass krieg und liebe nur behaelter sind. beide kreischen bei dem anblick offensichtlicher amoralitaet, sehen trotzdem die zusammenhaenge nicht. der hals tut weh vom lachen und warnen und dann schaut jemand auf seine haende, die sich jeden tag von selbst bewegen. er traut sich dann manchmal nicht ihnen zu widersprechen, in der angst zu verlieren, was noch nicht besessen wurde. [ die krankenschwester kommt wieder, sie hat ihren kaffee getrunken und kontrolliert jetzt die anzeigen. als sie durch die scheibe den kleinen arm des saeuglings sieht, denkt sie : du hast noch dein ganzes leben vor dir. dann zwingt sie sich vor dem verlassen des raumes ein laecheln und ein gesprochenes wort heraus.]

[pn]

tiefentaubheit

rote haare, porzellanteint in strahlenform. das maedchen steht hier auf der klippe vor dem abgrund. es ist gluecklich. ihr freund wartet in entfernung und hat vergessen, dass sie nichts mehr hoeren kann. meist haben sie nur bilder angeschaut in den letzten wochen. kein wunder, dass sie malerin geworden ist, sagte ein bekannter neulich und hat dafuer einen faustschlag ins genick bekommen. die stille laechelt jetzt und schaut sich nur die wellen an. augenmusik erklingt in ihrem kopf. phantomgeraeusch schlaegt gegen die steine. lippenlesen ist nichts visuelles, es besteht aus intuition. sie fuehlt ihn hinter sich. die wolken stoeren sie, ihr freund ergaenzt zu oft ihre saetze, steht zu dicht neben ihr, deshalb wird sie ihn verlassen. der dolmetscher weiss nichts davon, er holt eine decke aus dem wagen. das radio hat er letzte woche ausgebaut, die platten verkauft und schliesslich darueber geweint. [pn]

hochhaus & klischee

an diesem tag wuerde ich gerne sagen koennen : diesmal ist das wetter nicht hindernis, sondern bloss hintergrund. aufgeklebte pappe, vor dem dieser betonquader in den himmel ragt, dessen geometrie mich einlullt und die schande vergessen laesst. welche schande? die anklage lautet auf unzurechnungsfaehigkeit, auf starrsinn ueberlebensgross. bei anderen ist ein ungebuegeltes hemd schon grund genug fuer einen wutanfall, bei mir schleichen die fehler lautstark und offensichtlich umher. sie helfen mir bei jeder treppenstufe, bei jeder verbeugung vor dem hochhaus. anfeindungen gehe ich durch flucht aus dem weg, lasse hier und dort durch meinen anblick umkehren, gefahr laeutet unvergesslich. der ausblick aus dem vierten stockwerk, obwohl die fensterbaenke und scheiben staubbedeckt sind, offenbart den wunsch nach gnadenhoehe. bereits hier sollte ich anfangen auf die zahnreihen zu beissen. hier schalte ich auch das telefon ab, lasse mich alleine-werden. die naechsten treppenhaeuser wirken gleich, zurueckgebildet, sie zeigen vertikale richtungen, je mehr ich an hoehe gewinne. geschlossene tueren hinter denen kein gereaeusch zu hoeren ist. ich presse mit den handflaechen gegen das fenster, spuere den widerstand, loese mich, da ich schnittverletzungen abstossend finde. als ich oben auf das dach trete schrecken die tauben auf, ich habe ihnen nichts mitgebracht. tetanusspritze in der tasche umschlossen, sehe ich unter einer verhangenen sonne, dass es hier auf dem rechteck keine kontrolleure gibt. das leichtfertigere denken beginnt. ich oeffne die schnuersenkel und trete an die kante, die begrenzung der welt, heran. die schwerkraft reibt sich schon die haende, als ich die augen schliesse und das zoegern zu einer gemuetsbewegung mache, die man auch am boden kennt. [pn]

innen, voir dire

amalgamlachen. der eine macht photos, der andere hat einen stein in der hand. beide kennen die auswirkungen ihrer arbeit nicht. der steinewerfer sieht das resultat jedoch noch vor labor und wartezeit. [pn]

sternenlicht ist krebserregend

die lassen alle schmetterlinge frei, auch wenn ihnen dabei schlecht wird. im bild werden nur konturen gehalten. fast scheint es so, als sei die handbewegung, die befreiung bringt, nur eine farce. tausendfach geuebt. ob dies den flug truebt? nichts ist entgegenzuhalten, wenn die pergamentfluegel geraeuschlos fliehen. [pn]

gefuehlskleiderstaender

seit tschernobyl ist das wetter immer so schlecht, sagt die frau und nickt der anderen zu. so endet ihre beschwerde, als sie weitergeht und ihr kind hinterherzieht. sie bildet es zu ihrem doppelgaenger aus. wie viele gestische brocken bleiben in der sommerluft haengen, da niemand sie anschauen kann, weil es zu heiss dafuer ist. wir bevoelkern, ziehen uns an jedem sonnenstrahl entlang aus den hoehlen. hormonelle bewegungen und assoziationsgewitter. auf den rasenflaechen fahren paare einander durch das haar. geniessen verdientes. die spaziergaenger rundherum solo, vergessen ihre zeitverschwendung morgens vor dem spiegel. die meisten lippen bleiben ungekuesst. die frau mit kind hat freunde, die aus zahlen bestehen und anfaengen. ihre absicht ist temperaturschlag, der leiber kondensieren laesst. ihr scheint es fuer eine achtung zu spaet, so gelangt wenigstens manche haeme in fremde gewissen. sie betrachtet den mann, der lesend vor ihr liegt. ganz nah beim gehweg, wie ein hund. es ist weniger problematisch in der mitte des gruens zu liegen. dort wirkt es angepasst in eine vorstellung, wie die szene wirken sollte. wie sie scheinbar richtig waere. der mann erscheint ihr mutig, beinah vulgaer herausfordernd. aua mama, du tust mir weh. das kind reisst sich los und haelt sich die hand. die frau blinzelt, auch der mann schaut jetzt von der lektuere auf. er ueberlegt und urteilt ueber ihre attraktivitaet. naja. gestatten sie, dass ich mich vorstelle ? ich heisse oskar. oskar sand. er steht neben ihr, dabei hat sie sein herantreten nicht bemerkt. er klappt das buch auf ihrer augenhoehe zu, dass es knallt. sie nennt ihren namen. kaffee dort drueben ? einverstanden.

das kind kommt herangeeilt, wirkt unscharf in der ferne es ist fast zum horizont gelaufen. soll ich jetzt papa zu dir sagen? die mutter laeuft rot an und bestellt schnell ein eis. oskar raucht und schaut auf den see. er hat es wirklich ueberheoert. sie lachen und reden dreissig minuten. unter dem schirm seilt sich eine spinne auf den tisch herab und laeuft ueber die loeffel und leeren sahnetoepfchen. dann sagt die frau ernst :

glauben sie nicht, oskar, dass ich so eine bin. so eine verzweifelte mutter, die sich bei regen nicht auf die strasse traut und dann gleich in den park geht und einen mann trifft, wie sie. ich gebe ihnen hier meine nummer. wir koennten uns wiedersehen.

die ganze zeit traegt sie weiter ihre sonnenbrille und streicht ab und zu yvonne ueber den kopf. diese isst ein erdbeereis und spricht zu einem hund, der am nebentisch im schatten liegt. oskar trinkt einen schluck wasser und erwidert: geehrte [ er schaut kurz auf die notiz, dann wieder auf den see ] sophie, ich habe mir gar nichts gedacht. ich sah sie nur kurz und sie sind mir nicht aufgefallen. ich muss in diesem punkt ja ehrlich sein. doch ihre arrogante koerperhaltung hat mich beim zweiten blick schon interessiert. wie ein jazzstueck, dass man mehrmals hoeren muss, um nicht als amateur oder gar ignorant zu gelten.

sophie nickt kurz, lacht dann heraus: arrogant ? ja, sicher, sie hund am wegesrand. sie provokateur der kleinen leute. die meisten schauen ja in die ferne und uebersehen das, was ihnen direkt vor den fuessen liegt.

oskar laechelt und beobachtet, wie sophie ihrer tochter mit einem loeffel etwas rotes eis um den kindermund verschmiert, um es danach mit einem taschentuch abzuwischen. die restlichen gaeste schauen ihnen zoegerlich zu, scharren mit den fuessen. selbst der hund hat den heissen kopf gehoben und die ohren aufgestellt. oskar sagt diesmal direkt in ihre braunen augen : da haben sich zwei gefunden, oder nicht ? er ruft den kellner heran, damit sie getrennt bezahlen koennen.

[pn]