Texte - August 2006



vor der rossschlachterei

06:12

der pfoertner amon hat an der aussenwand der huette einen rueckspiegel angeschraubt, so darf er laenger sitzenbleiben. er laesst die koepfe an der scheibe warten, passierscheine werden ihm entgegengehalten. dann nickt er den gesichtern zu, umarmt dabei die tasse, stellt sie in der verschraenkten armbeuge ab. die zungenspitze faehrt ihm aus dem mund und wird trocken. amon muss sich hassen lernen, es stoert ihn nichts, noch nicht. die arbeit perlt an ihm ab. im kopf haengt das bild eines jaegers, der nichts geschossen hat. die schritte, die aus dem wald zurueckfuehren sind stets laenger und verzweifelter, als die ankommenden. amon steht auf, damit dass kreuz sich dehnen kann. an die waende kratzt er spurrillen in das holz. dalek, der vorarbeiter klopft ans glas :

dumm, dumm. die stechuhr ist korrupt. wieder einmal finden wir uns hier ein, haettest du deinen kalender nicht abgehaengt, waere dir nicht schlecht, amon. amon schaut ihn mit dem ruecken an : halt dein maul, dalek und kugel deinen arm an deiner presse aus. mich stoerts kaum hier zu sitzen, im sommer oeffne ich ein fenster, im winter stelle ich ne kohlentonne hier hinein. du musst dein hemd wohl oefter wechseln, kinderhirn?

dalek eilt weiter, hat die worte nicht mehr hoeren koennen. der kiesweg knirscht zu laut. durch das tor hinein, in einen arbeitsrausch getaumelt, am eingang gibt ihm der nacken eine arbeitspille in die hand. die dreiecksform hat einen jahrelangen eindruck in die innenflaeche seiner hand gestanzt. in welchem land wird bei zustimmung der kopf geschuettelt? er weiss es nicht mehr, hat es aber doch im fernsehen gelernt.

amon dreht auf seinem stuhl, jetzt hat er eine ruhepause am koerper, jedoch nicht im kopf. seine frau fragt abends immer nach dem spiegelpaar, damit sie ihren ruecken ruhig betrachten kann, ohne den kopf streng drehen zu muessen. amon laechelt sie still an und kaut weiter. sein gesicht bemueht sich um verschwiegenheit. in einem monat kauft er silberfarbe und streicht ihr wohl die augen an. viele wollen innenseher werden. zum mundzunaehen reicht es noch lange nicht, da wird er noch malochen muessen. das denken endet schoen. amon schaut auf die scheibe und hinaus.

11:44

hunderte sind vorbeigegangen. amon legt die hand auf das klingelnde telefon, hoert die anweisungen an. das herz schlaegt ihm in den hals. menschen vergessen oft, dass ihnen heiss vor angst werden kann. das vergessen kommt, wenn die hitze abklingt. amon wird rot und ist selbst befangen. ja, ja, ja – die lippen tun ihm davon weh. frueher hatte er einen knopf im armaturenbrett, den konnte er druecken. natuerlich nicht aus lust und laune, aber in bestimmten momenten, die eine aktivierung erforderte. der weisse knopf wurde ausgebaut. jetzt macht alles die zentrale. amon spuert den widerstand des knopfes immernoch im finger.

16:59

die sonne senkt sich steil herab. amon muss die hand ueber die augen halten, versucht die silhouetten der verlassenden zu deuten. in krummer haltung schreibt er irgendetwas in sein protokoll, wirkt geschaeftig. er sorgt sich schliesslich auch um seine anstellung. dabei sind doch alle arbeitsplaetze staatlich garantiert. diese alte gewohnheit ist reine nostalgie. morgen wird er nicht zur arbeit kommen muessen. er hat urlaub und freut sich bereits jetzt auf seine krankheitspille, die geschmacksneutral eine erkaeltung oder aehnliches hervorruft. amon wird sich sorgfaeltig an die schlaefe greifen und das fieber geniessen. dalek weiss um die tatsache und geht deshalb besonders langsam am pfoertnerhaus vorbei, die neidaugen sind rechtwinklig zum gang auf amon gerichtet, beide haben den eindruck, als dauerte die begegnung eine ewigkeit. zeitlupe. dann zieht amon seine zunge wieder ein.

[pn]

das maedchen amok

unterschiede erfinden.
sie strengt sich an und denkt,
ich wuerde ihr die stelzen brechen,
dabei steht amok unerreichbar,
verrueckt sich selbst,
unschaden gleich.

sie ist in ihrer haut
ganz straffend
eingesteckt.
ihre zurueckweisung erst
nur ein zoegern,
dann gibt sie sich
und die erlaubnis her.

ihre haltung wird zu einer ware,
die unverstanden werden soll,
wie ein gespraech ,
dass man zu fuehren glaubt.
ich sagte, ich toetete den konjunktiv
und wuenschte dann den krieg herbei.
gegenbewegungen
haben uns laut umspuelt.

sind nahende sich fuegsam,
duldsam und gleich,
oder schliessen sie gedanken mit fragezeichen ab,
wie das maedchen amok?

[pn]

dilemma 2

der herrscher wollte gerade beginnen zu sprechen,
als ploetzlich am anfang des prozessionsweges
die goldene kutsche erschien, die ihn in den himmel fahren sollte.

[pn]

mimikry

nun,
jetzt bist du imago. die puppenruhe ist vorbei.
dabei weisst du, dass ich insekten hasse.

na und? sagst du und bist in den augen noch grausamer.
selbst schuld, oder oder ?
wenn zwei parteien sich nicht einigen koennen,
sollen sie auf einen dritten zeigen.

deine hysterie ist waffe geworden. du musst dich beim lachen setzen,
traenen der erleichterung laufen dir ueber das gesicht.

in jeder deiner bewegungen sehe ich mathematische zuege,
auseinanderdriftende polaritaet insensiviert sich nur.

zu fest, kurz halte ich deinen arm, lasse ihn los.
du laeufst ueber die strasse. bremsgeraeusch,
der fahrer des volkswagens steigt aus, redet auf mich ein.
ich fahre ihm ueber den mund, sage im affekt, dass er die schnauze halten soll.
theatralische moderne welt,
bevor du fragen kannst, ob ich uns fuer einzigartig halte,
fallen wir schon wieder, ich sage nein.
um uns herum steigen tausende absichten in den himmel auf.

[pn]

welle noch einmal

sand ist mikroskopisches gestein, danach schlick unter fuessen. der mann geht weiter ins blau. das wasser kuemmert sich um den koerper, der auftrieb gerinnt. ab einer bestimmten tiefe beginnt das standardprogramm, der hals moechte ueber wassser bleiben. nicht muehsam zum lernen gezwungen, wie paare, die hochzeitstaenze einstudieren. der mann sieht das land laecheln, auf der kruemmung winken frau und kind. sie traegt einen weissen badeanzug, dazwischen tuerkise streifen. ihr steht alles. das kind hatte einen alptraum in der letzten nacht. drehte sich im beigestelltem bett, sah kobolde im hotelzimmer still hocken, bereit zum seelendiebstahl. mit stumpfem kiefer am bettpfosten. kuenstliches laecheln spuert man auch in der dunkelheit. geraeusche von draussen, eine angelehnte balkontuer. die touristenmeile pochte. zwang zum auskosten der zeit. er versuchte nicht zu schlafen, wollte seine frau betrachten, hielt kurz ihre hand, musste sie loslassen. folgte ihrem koerperrollen. im wasser. er fuellt die lunge mit luft und treibt jetzt auf der oberflaeche. die vorstellung keinen boden unter den fuessen zu haben nervt. salz im mund, die wolken erscheinen wie beleidigungen. das wasser aus den ohren kann er nicht mehr abschuetteln, unter lachenden augen etwas selbstverstaendliches tun. seine frau sagte: weisst du, dass komisches und beaengstigendes oft denselben ursprung hat? beides funktioniert nur unerwartet, nein, da taeusche ich mich jetzt, man kann doch ahnen. da gibt es keine grosse moral, wuerde er ihr jetzt sagen und laesst sich auf das meer ziehen.

[pn]

nicht in die kamera schauen

drekopf denkt gross: gauss`sche normalverteilung. mathematische roehren, deine beine. kammerflimmern. er hoert auf und stellt sich ab, will auf die fahrt achten. der waggon zieht sich an der schiene entlang. ein anderer passagier sitzt und atmet ihm gegenueber. es wirkt gestellt. drekopf bleibt in seiner vogelstarre. er haelt sich fuer einen greif, weiss aber nicht aus welchen tieren dieser genau besteht. im gespraech wuerde er eine meinung vertreten, die er sich nicht glauben kann, lauter werden und mit den fingern auf den boden zeigen. die handflaechen abwechselnd drehen, um offenheit mit staerke zu vereinen. drekopf reckt seinen hals und hofft auf ein knacken. innerlich beschaeftigt er sich mit etwas aussichtslosem. die letzten tage rauschhaft, trotzdem traege. drekopf zieht eine neue schaerfe, unstetes dringt durch die verdunkelte scheibe. der circus ist in der stadt, plaziert am hauptplatz. zaunelemente modern, aber die farbe an den naiven buden blaettert weiterhin idyllisch ab. die schausteller haben ihren romantischen hades nicht verlassen koennen. sie treten nicht auf mit neuer akrobatik oder kommentierendem spott, stattdessen verkaufen sie ihre tradition durch ein hysterisches festhalten und an sich ziehen. inzestioese riten und geheimsprache. die artisten lassen alles fallen, was sie bewahren wollen. die klassischen kostueme werden zu abbildern, auf die nichts projeziert werden kann. der leere blick bleibt uebrig. tanzlachfest mit bierbude zum verweilen. banner draussen. kreditanstalt, autohaus und circuszelt in dreifaltigkeit. gemeinsame interessen.

der spoetter kriegt ein eisbein geschlagen. ist damit abgelenkt genug in den circusfarben zu verfallen, dem clown ein lachen aus der rippe zu reissen. drekopf ist kein feind der ueberforderung, er liebt sie, obwohl sie ihn oft wundern laesst. er spielt die circusmelodie im kopf, seltsam, dass der atmer hoechstwahrscheinlich dieselbe kennt. gemeinsame worte : die nachrichtensprecherin fabuliert ein kollektives gedaechtnis herbei, in das sich ereignisse eingebrannt haben sollen. drekopf lacht ueber die medien und wischt sich eine traene aus dem auge. er vergisst jetzt und will den atmer nun doch herzlich begruessen, gnaediger zuhoerer sein, mit einer geschickten luege erfreuen, die zaehne entbloessen bis zum gesunden zahnfleischrand. etwas aufmerksamkeit mit ihm teilen. der atmer steigt aus.

besser fuer dich, sagt drekopf und erinnert sich nicht, wieso er negativ ueber den circus gedacht hat. es gibt doch vielleicht erneuerer. die verzichten auch auf teure tiere, oder? zum verbiegen brauchen die nicht mehr als ihre eigenen koerper. wieso keine maschinenakrobatik, keine andere symbolik? verliert der circus seine existenz durch fehlende attribute? drekopf wartet auf ein neues sproedes bild. die begutachtung der zuschauer zieht die kiefer auseinander, laesst fallen in ein gemeinsames austossen von schlechter luft, maladie kann diskret entweichen. drekopf ist froh stiller geworden zu sein. er hampelt kaum, hat sich spezialisiert. jeder tag ist von einem gedanken belegt und soll sich dann konkret in eine zahl verwandeln. drei finger haelt drekopf im dunkeln in der hand und oeffnet die augen sehr stark dabei. sein kalender beginnt mit schluckgeraeuschen, schritten aus der bahn heraus. unter den neuen reklamen hinueberlaufen zum treppenschacht. linksbuendig gehen. wochenlang nur mit loeffeln essen. heizungen regulieren und planen, was er im kopf zu halten hat. meinungsmaschine, denkt drekopf, gezwungen zu urteilen, ohne abnehmer zu haben. ungesunde oekonomie. neue idee:

ich koennte mir einen neuen haarschnitt wuenschen, etwas, dass nicht rauschhaft erlebt werden kann. geht nicht.gibt es schon, sagt die frau neben ihm und leckt sich die finger vom essen sauber. in zwanzig minuten steht drekopf in der schlange, die sich in der eintrittskartenbude verbissen hat. er vergisst sich zu schaemen.

die clowns sind beliebt und gefuerchtet. die jungen wurden zum clownsein gezwungen. familienkodex. drekopf vermeidet das lachen. es sieht ihm zu daemlich aus. lachen ist fuer volltrottel. als er spuert, das ihm die mundwinkel zittern, quetscht drekopf etwas haut am oberschenkel. im zelt stinkt es nach pferd, weil die betreiber minuten vor der vorstellung fohlen durch die manege getrieben haben. das muss so sein. die zuschauer erwarten das ganze paket. das kaempfen gegen vorlieben und vorstellung, arbeitslosigkeit gegen schwarzfahrer. drekopf entspannt sich, achtet nicht wirklich auf die darbietung. er moechte sich die vorstellung lieber hinterher ausdenken. vielmehr gestattet er sich als zuschauer, er haette darum lieber nur allein mit seiner anwesenheit bezahlt. artisten sind bessere drogenhaendler, denkt drekopf, bevor ein neuer reiz einschlaegt. damen biegen sich auf saegespaenen, ein mann in der menge hat sich die augen aus dem kopf geschaut. er schreit, wird aber schnell beruhigt. da muss auch drekopf endlich aufatmen. der circus hat ihm schon immer am besten gefallen. schon als kind. das weiss er ganz genau. [pn]

mit nullen beschreiben

an einer deutschen hauptstrasse, gutbefahren, gehen menschen. auf der linken seite liegt eine wichsbude zwischen baeckerei und bank.langsamer hunger, ueberall passanten. sobald es sommer wird verwandeln wir uns in insekten, waermen die baeuche auf steinen und gefundenen koerpern. das erste eis des jahres. an die gesichter montierte facettenaugen, dunkle glaeser, blicke verhungern, bleiben mit willensanstrengung kleben. heute sah ich in einem lichtfleck das verwirrte gesicht eines freundes. ich habe ihm ein leid getan, professionell ist er darauf kalt geworden, hat meine worte angehoert und nicht aufgenommen. ich sprach nicht zudringlich, sondern im wissen einen schaden genossen zu haben. er fuhr davon, hinterliess einen eindruck, der stunden wirken sollte und einen gewissensdorn in mir stecken liess. dann wiederholte sich alles, der tag zuvor, dieselbe dumpfheit. gewitter, das schikanierende schirme oeffnet, paare aneinanderpresst, so dass man sie mit einer schere teilen muss. gedraenge unter dem haueserzeilendach. die herden fluechten in geschaefte. lass uns doch ins kino gehen-stimmen. so tauscht sich fremdes leben aus. teller mit speisen werden in den gastronomischen betrieben herumgereicht, glaeser knallen an das lachen, das nach draussen klingt. ich spreche mit jemandem, ich glaube mit einer frau: konzentrieren sie sich? lassen sie mich eine geschichte erzaehlen, so vergessen die anderen vollkommen den zusammenhang, sehen sie, wie schwierig es ist den worten zu folgen, als haette dieser satz keinen anfang.

[parole der weichheit]

stellen sie sich eine gemeine cafesituation vor. einige tische vor der grossen scheibe. die moebel ungekonnt zusammengewuerfelt,zwar mit absicht, aber ohne geschmack. folgendes passiert. geschirr fliegt auf mich zu, zerspingt nicht am boden, zwei grazien stellen sich auf, huefte und schulterbreite proportional, im haar stecken blumen, anti-steak gegessen, fragzeichen. hueftschwung, jetzt entfernen sie sich, lachen sich laut bis in die bequemlichkeit. mein wirbel knackt bei jeder kraenkung, verteilt die sproeden haelse, beine unter tischen verschlungen. als ich bezahle faellt mir eine taube auf, die nicht mehr fliegen kann. jedoch nicht durch gebrochene fluegel, sondern aufgrund faulheit. hinter mir jetzt doch ein scherbengeraeusch, der kellner hatte nur einmal glueck.

sie sagt:

[gewohnheitsrecht]

synchronizitaet, weil das gestern und selbst getraenke sich wiederholen. ich duze sie nicht, weil es alle von uns erwarten. jede bekanntschaft faellt in ein raster, in einen wunsch zerfaellt sie gleich, kann nichts neues mehr verlangen. es bleibt nur beim aufheben von beweismitteln, trophaee, die grausam bleibt.

ich schaue schnell in die fahrenden autos vor uns. vielleicht habe ich es schon gewusst. wir reden aneinander vorbei. ich sollte die platte umdrehen. [pn]

die strasse, pruede sauna

fatal die verdeckung durch den baum,
der quetschvorgang der wagen
physikalisch programmiert.
dies wissen die insassen aus einem
wachtraum, den sie vergessen haben.
der mann kennt das gefuehl,
es ist ein rausch zu sterben,
wuetend stoesst er das leben fort.
seine frau haelt zuletzt ihre kinder am
arm, ihr gedanke ist eine sorge,
die gleich aus ihren gliedern faehrt.
es ist sommer, ihr kleid ist weiss
gewesen, eine monroe, die
feuerwehrmaenner haetten sie
gerne lebend gesehen.
die geschwister entschlafen mit
neugier und eingestanztem bild.
jeder von ihnen sieht einen anderen
winkel,
im paradies , was folgt,
wird man ihnen kruecken geben,
dessen koennen sie sicher sein,
wenigstens aus porzellan.

[pn]